Was bedeutet eigentlich “Berliner Stil”?




Die Verlegerin Angelika Taschen hat über das geschrieben, was jedem in der Hauptstadt eigentlich klar vor Augen liegen müsste, sich aber den meisten noch nicht ganz erschlossen hat: den “Berliner Stil”. Verglichen mit Paris, Mailand oder New York ist Berlin weitaus weniger bekannt für Mode, es wird dafür aber für seinen lockeren Lifestyle und die aufstrebende Start-up-Kultur gefeiert. Angelika Taschens Modefibel von 2013 zufolge sind es jedoch genau diese Dynamiken, die letztlich den “Berliner Stil” ausmachen.

Vereint in der Heterogenität

Berlin ist eine junge Stadt, die sich seit 26 Jahren immer wieder neu erfindet. Alle haben Visionen und Ideen, wissen aber nicht, wie sie diese ohne das benötigte Kapital umsetzen sollen. In keiner anderen Stadt Europas wird so viel Heterogenität gelebt wie in Berlin. Neben Kreuzberger Hippies in Secondhand-Mode von Geschäften wie Vintage Berlin sieht man Punks am Alexanderplatz in zerfetzten Jeans aus den 80ern, gestresste Mütter im Prenzlauer Berg mit eng anliegenden Babytragetaschen und junge Business-Leute an der Friedrichstraße im Casual-Look à la Drykorn wie hier bei Van Graaf. Zudem tummeln sich tagtäglich zahllose aufgestylte Touristen in Berlins Mitte oder am Kurfürstendamm. Während bereits innerhalb der Bezirke die Stilrichtungen teilweise stark voneinander abweichen, zeigt sich der Unterschied noch stärker, wenn man die Bezirke untereinander vergleicht. Diese Heterogenität ist genau das, was Berlin so einzigartig macht und im Umkehrschluss trotzdem zu einer Einheit führt. Mode bedeutet in Berlin nicht einfach nur bestimmte Kleidungsstile zu pflegen, sondern sie ist auch eine Frage der individuellen Überzeugung und des damit verbundenen Lebensstils. Ist die Kleidung vegan, aus Baumwolle oder Leder, aus dem Secondhand-Laden oder vielleicht sogar von Gucci? Warum sitzt der Herr in der Hippie-Jodhpur-Hose aus Biobaumwolle in einem Auto und nimmt nicht das umweltfreundliche Fahrrad? Kritische Stimmen behaupten sogar, es sei die Hässlichkeit des Berliner Stils, die ihn auszeichnet.

Berlin ist wie New York vor 20 Jahren: Im Aufbruch

Angelika Taschen wohnt seit vielen Jahren in der Hauptstadt und hat deren Entwicklung hautnah mitverfolgt. Besonders der Osten sei nach der Wende ein regelrechtes Labor gewesen, in dem modisch viel herumexperimentiert worden sei. Der typische “Berliner Stil” konzentriert sich, so Taschen, vor allem auf den Stadtteil Mitte. Das Abendkleid zur Jutetasche, Lederleggins und ein Norwegerpullover seien in Berlin keine Seltenheit. Die Aufbruchsstimmung wird unterstützt von einer lebendigen Start-up-Kultur – die gab es laut Taschen vor knapp 20 Jahren auch in New York. Damals war der Stadtteil SoHo stark im Kommen. Insgesamt hat die Dynamik der Stadt zum typischen Berliner Lebensstil beigetragen, nicht umgekehrt. Für ein No-Go in Sachen Mode hält die Verlegerin und Autorin lediglich eines: Aufgeräumtheit. Ein Poloshirt mit Perlenkette – das würde “in Berlin fehl am Platz” wirken.

Bildrechte: Flickr Woman II Susanne Erler CC BY 2.0 Bestimmte Rechte vorbehalten

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